Das 7Artisans 75mm f/1.4 hat es mir in diesem Test nicht leicht gemacht. Ich mag manuelle Objektive, gerade wenn sie bezahlbar sind und Bilder liefern, die etwas anders aussehen. Eine technisch perfekte Abbildung ist dabei nicht immer mein wichtigstes Kriterium. Trotzdem möchte ich selbst entscheiden können, wann ein Bild weich und verträumt werden soll. Genau da wird es bei diesem Objektiv schwierig.
In den vergangenen Wochen habe ich die Z-Mount-Version bei mehreren Ausflügen ausprobiert. Unter anderem früh morgens am Hamburger Hafen und auf einem Waldweg im Nebel. Dabei sind Bilder entstanden, die mir richtig gut gefallen. Gleichzeitig haben mich die weiche Offenblende, auffällige Farbsäume und das empfindliche Gegenlichtverhalten immer wieder gestört.
Die Frage ist deshalb: Welche dieser Eigenschaften machen einen interessanten Look aus, und ab wann schränken sie mich beim Fotografieren zu stark ein?
Transparenz: 7Artisans hat mir das Objektiv kostenlos zum Testen zur Verfügung gestellt. Die Einschätzungen in diesem Erfahrungsbericht sind meine eigenen.
Verarbeitung: Metall, Gravuren und ein bisschen Retro-Flair
Äußerlich holt mich das 7Artisans 75mm f/1.4 ziemlich schnell ab. Das Metallgehäuse fühlt sich solide an, die Beschriftungen sind eingraviert und mit Farbe ausgelegt. Dazu kommen kleine farbliche Akzente und unterschiedlich eingefärbte Entfernungsskalen für Fuß und Meter. Ich mag solche Details. Das erinnert mich an klassische manuelle Objektive und passt gut zu der Art, wie sich das Objektiv bedienen lässt.
Mit rund 77 Millimetern Länge und 62 Millimetern Durchmesser ist es für ein lichtstarkes 75-mm-Vollformatobjektiv angenehm kompakt. Die etwa 408 Gramm merkt man ihm trotzdem an. Es fühlt sich für seine Größe recht schwer an.
Der Blendenring gefällt mir ebenfalls. Er rastet sauber und gut spürbar ein, allerdings nur in ganzen Blendenstufen. Eine merkwürdige Ausnahme gibt es zwischen f/8 und f/16: Die Rastung für f/11 fehlt. Hier liegen deshalb gleich zwei volle Blendenstufen zwischen den Klicks.

Manuelles Fokussieren: präzise, aber nicht besonders schnell
Der Fokusring läuft mit einem angenehmen Widerstand. Für meinen Geschmack ist der Fokusweg allerdings etwas lang. Um von einem nahen Motiv bis unendlich zu wechseln, muss ich weit drehen und dabei umgreifen.
Beim sorgfältigen Scharfstellen hat das einen Vorteil: Der Fokus lässt sich fein dosieren. Gerade bei f/1,4 kann ich diese Präzision gut gebrauchen. Wenn ich schnell zwischen unterschiedlichen Motiventfernungen wechseln möchte, bremst mich der lange Weg dagegen aus.
Das ist für mich kein grundsätzliches Argument gegen manuelles Fokussieren. Ich nutze solche Objektive gerne und weiß, dass die Bedienung mehr Aufmerksamkeit verlangt. Hier merke ich aber recht deutlich, dass mir das Objektiv bei ruhigen Motiven mehr entgegenkommt als bei spontanen Situationen.
Der Schraubdeckel nervt mich
Ein kleines Detail hat mich im Alltag zusätzlich gestört: der Objektivdeckel zum Aufschrauben.
Bevor ich fotografieren kann, muss ich ihn erst abschrauben. Anschließend darf ich ihn wieder aufs Gewinde setzen. Gerade mit kalten Händen morgens am Hafen finde ich das unnötig umständlich. Ein normaler Klemmdeckel wäre mir deutlich lieber.
Natürlich entscheidet ein Deckel nicht über die Bildqualität. Er beeinflusst aber, wie gerne und unkompliziert ich ein Objektiv benutze. Und hier passt er leider zum eher gemächlichen Umgang, den schon der Fokusring verlangt.
Bildqualität bei f/1,4: weiche Details und deutliche Farbsäume
Bei der Offenblende beginnt mein eigentliches Problem mit dem 7Artisans 75mm f/1.4. Gerade auf größere Entfernung wirken meine Aufnahmen ziemlich weich. Teilweise kommt ein deutlicher Glow hinzu: Helle Strukturen scheinen etwas in ihre Umgebung hineinzuleuchten, feine Details verlieren an Klarheit.
Ein Beispiel ist die Aufnahme der Möwe auf der Uhr am Hamburger Hafen. Das Motiv bleibt erkennbar, aber die Abbildung wirkt bei Offenblende nicht so klar und sauber, wie ich es mir wünschen würde.


Dazu kommen auffällige violette und grüne Farbsäume. Besonders die Längsfarbfehler fallen mir in mehreren Aufnahmen auf. Dabei erscheinen Strukturen vor und hinter der Schärfeebene unterschiedlich eingefärbt. An hellen Reflexen und kontrastreichen Übergängen ist das deutlich zu sehen.
Diese Farbsäume verschwinden beim Abblenden auch nicht sofort. In einigen meiner Beispiele bleiben sie bis f/4 oder f/5,6 sichtbar.
Andere manuelle Objektive haben mich in dieser Hinsicht zuletzt stärker überzeugt, auch Modelle von 7Artisans. Entsprechend hatte ich mir hier mehr erhofft.

Abgeblendet wird das 7Artisans deutlich besser
Die gute Nachricht: Das Objektiv bleibt nicht auf diesem Niveau. Beim Abblenden werden die Details klarer, die Schärfe nimmt zu und die starke Vignettierung geht zurück.
Ungefähr ab f/2,8 finde ich die Schärfe in meinen Aufnahmen wirklich gut. Bei f/4 und f/5,6 habe ich viele Ergebnisse bekommen, mit denen ich zufrieden bin.

Für Landschaften oder Motive, bei denen ich ohnehin mehr Schärfentiefe möchte, kann ich damit gut arbeiten. Die Schwächen bei Offenblende bedeuten also keineswegs, dass das Objektiv grundsätzlich keine detailreichen Bilder liefern könnte.
Trotzdem bleibt für mich eine wichtige Frage offen: Wie viel bringt mir die Lichtstärke f/1,4, wenn ich für die Ergebnisse, die ich meistens haben möchte, wieder abblende?
Eine große Blendenöffnung ist schließlich ein wesentlicher Grund, sich für dieses Objektiv zu interessieren.
Bokeh: Nicht nur die Menge an Unschärfe zählt
Mit 75 Millimetern und f/1,4 lässt sich ein Motiv deutlich vom Hintergrund trennen. Wie gut mir die Unschärfe gefällt, hängt beim 7Artisans allerdings stark von der jeweiligen Szene ab.
Bei meinem Ausflug zum Hafen habe ich bewusst eine vollständig unscharfe Aufnahme mit Lichtpunkten und einer Pfütze gemacht. Auf den ersten Blick wirken die großen Lichtkreise schön weich. Beim genaueren Hinsehen fallen jedoch farbige Umrandungen auf.

Diese Säume entstehen auch bei neutralen Spitzlichtern. Es handelt sich also nicht bloß um die Farben der Lichtquellen. In manchen Unschärfekreisen sitzt außerdem ein heller Punkt in der Mitte. Dadurch wirken sie auf mich weniger gleichmäßig, als ich es mir wünschen würde.
Hinzu kommt der Katzenaugeneffekt: Die Lichtkreise werden außerhalb der Bildmitte zunehmend oval. Das ist bei lichtstarken Objektiven an sich nichts Ungewöhnliches. Beim 7Artisans fällt es mir aber schon relativ weit innerhalb des Bildes auf.

In einigen abgeblendeten Aufnahmen gefällt mir die Hintergrundunschärfe besser. Bei einem Beispiel mit f/2 wirken die Spitzlichter auf mich runder und weniger auffällig eingefärbt. Weil sich zwischen den Aufnahmen auch die Fokussierung unterscheidet, ist das kein isolierter Blendenvergleich. Für meinen praktischen Eindruck bleibt trotzdem: Mehr Unschärfe ergibt hier nicht automatisch das schönere Bokeh.

Gegenlicht: Hier wird aus einer Schwäche manchmal ein schöner Look
Bis hierhin klingt das nach einem ziemlich schwierigen Objektiv. Genau so habe ich es in einigen Situationen auch erlebt.
Das Ding ist: Manchmal gefallen mir gerade diese Schwächen.
Ein gutes Beispiel ist ein Foto von Gräsern im warmen Gegenlicht. Die Kontraste gehen zurück, ein goldener Schleier legt sich über die Pflanze, die dunkleren Ecken rahmen das Motiv ein. Vieles verschwimmt, und die Gräser sind nur noch teilweise klar zu erkennen.

Ich mag dieses Bild.
Ein Objektiv, das mit Gegenlicht besser zurechtkommt, würde die Szene vermutlich klarer wiedergeben. Der Schleier wäre möglicherweise schwächer, die Pflanze deutlicher abgegrenzt. Für diese Aufnahme gefällt mir aber gerade, wie stark sie im Licht aufgeht.
Mir geht es hier um die Stimmung. Ich wollte keine einzelnen Halme zählen, sondern dieses warme Licht in einem Bild festhalten.
Dass andere darin vielleicht einfach ein zu weiches oder verwaschenes Foto sehen, kann ich nachvollziehen. Für mich funktioniert es. Und das ist der Punkt, an dem die optischen Schwächen des 7Artisans tatsächlich einen gestalterischen Reiz bekommen.
Nebel im Wald: Gute Ergebnisse mit etwas Aufmerksamkeit
Bei einem anderen Ausflug war ich auf einem leicht nebligen Waldweg unterwegs. In Blickrichtung wirkte die Szene zunächst ziemlich unspektakulär. Erst beim Umdrehen wurden die Lichtstrahlen sichtbar, die zwischen den Bäumen auf die Straße fielen.
Ein kleiner Tipp, der sich immer wieder lohnt: Wenn ihr die Sonne im Rücken habt, schaut gelegentlich auch in die andere Richtung.

In dieser Situation hat das 7Artisans schöne Ergebnisse geliefert. Ich hatte abgeblendet, die Schärfe passte und die Details kamen klar heraus. Dazu die Lichtstrahlen, der Nebel und die Tiefe des Weges.
Das Entscheidende war hier vor allem die Situation. Ich würde nicht behaupten, dass ich für diese Bilder ausgerechnet dieses Objektiv gebraucht hätte. Sie zeigen aber, dass sich damit durchaus klare und stimmungsvolle Aufnahmen machen lassen.

Ein anderer Winkel kann die Wirkung stark verändern
Das Ergebnis kann allerdings schnell kippen, wenn die Sonne ungünstig ins Objektiv fällt. In einer weiteren Aufnahme liegt ein deutlicher Schleier über der Straße. Dazu zieht sich ein großer grüner Reflex durchs Motiv.

Hier stört mich der Effekt. Ich möchte die natürlichen Lichtstrahlen zwischen den Bäumen sehen. Der zusätzliche Flare konkurriert damit und nimmt ihnen einen Teil ihrer Wirkung.
Deshalb achte ich mit diesem Objektiv besonders darauf, wie ich mich zum Licht positioniere. Eine kleine Winkeländerung oder ein Baumstamm, hinter dem die Sonne verschwindet, kann einen großen Unterschied machen.
Für mich liegt genau hier die Grenze zwischen Charakter und Einschränkung: Kann ich einen Effekt bewusst einsetzen und bei Bedarf vermeiden? Oder muss ich meinen gewünschten Bildausschnitt aufgeben, damit die Aufnahme nicht überstrahlt wird?
Mein Praxiseindruck am Hamburger Hafen
Auch vom Hafen habe ich mehrere Bilder mitgebracht, die mir gut gefallen. Besonders die Spiegelungen in Pfützen und an reflektierenden Flächen haben an diesem Morgen viel hergegeben.
Ihre Wirkung entsteht vor allem durch Perspektive, Licht und Bildaufbau. Nicht jede weiche Fläche oder Spiegelung ist automatisch ein besonderer Objektivlook.


Trotzdem gehören diese gelungenen Aufnahmen genauso zu meinem Test wie die weichen Details und Farbsäume. Das 7Artisans ist durchaus brauchbar. Ich muss nur genauer darauf achten, welche Blende ich verwende, wo der Fokus sitzt und wie das Licht einfällt.
Bei einem bewussten Fotospaziergang kann ich mich darauf einlassen. Wenn ich möglichst unkompliziert und in wechselnden Situationen fotografieren möchte, empfinde ich diese Aufmerksamkeit irgendwann als Einschränkung.
Sind ungefähr 219 Euro dafür angemessen?
Bei dem Preis von rund 219 Euro, den ich für meine Bewertung zugrunde lege, finde ich das 7Artisans 75mm f/1.4 nicht mehr besonders günstig.
Ich erwarte dafür keine perfekte Abbildung. Aber die große Offenblende sollte mir einen Mehrwert geben, den ich regelmäßig nutzen möchte. Wenn mir die Bilder bei f/1,4 häufig zu weich sind, die Farbsäume auffallen oder das Gegenlicht zu viel vom Motiv überlagert, bleibt für mich von diesem Vorteil nicht genug übrig.
Suche ich eine lichtstarke Festbrennweite in diesem Brennweitenbereich, die im Alltag möglichst zuverlässig abliefert, würde ich persönlich eher zu einem 85mm f/1.8 mit Autofokus greifen. Das Rollei wäre für mich beispielsweise eine Alternative. Ich verliere etwas Lichtstärke, müsste bei den Eigenschaften, die mir wichtig sind, aber weniger Kompromisse eingehen.
Interessant wird das 7Artisans dann, wenn jemand bewusst manuell fotografieren möchte und genau diese weiche Abbildung sowie die auffälligen Gegenlichteffekte sucht. Als gezielt eingesetztes Spezialobjektiv kann ich seinen Reiz nachvollziehen.
Das ist für mich aber eine andere Kaufentscheidung als die Suche nach einer vielseitig einsetzbaren, lichtstarken Festbrennweite.
Fazit: Charakter ist vorhanden, eine Kaufempfehlung fällt mir schwer
Das 7Artisans 75mm f/1.4 ist gut verarbeitet und kann Bilder liefern, die mir gefallen. Besonders der warme, weiche Look im Gegenlicht hat in einigen Situationen seinen Reiz. Abgeblendet überzeugt mich auch die Schärfe deutlich mehr.
Gleichzeitig verlangt es mir im Alltag zu viele Kompromisse ab. Die weiche Offenblende, ausgeprägte Längsfarbfehler, farbige Bokehränder und die hohe Empfindlichkeit gegenüber Gegenlicht schränken mich ein.
Für ungefähr 219 Euro würde ich es mir persönlich nicht kaufen. Dafür müsste mich gerade die Abbildung bei f/1,4 häufiger überzeugen. Ich müsste öfter das Gefühl haben, dass genau dieses Objektiv die richtige Wahl für meine Bildidee war.
Wenn ihr diesen Look ausdrücklich sucht und gerne damit experimentiert, könnt ihr das anders bewerten. Meine Beispielbilder sollen euch helfen einzuschätzen, ob euch diese Eigenschaften gefallen oder im Alltag eher stören würden.
Für mich bleibt es ein Objektiv mit Charakter, dessen Eigenheiten ich gelegentlich mag, auf die ich mich aber nicht ständig einstellen möchte.
Wie seht ihr das beim Gräserbild: stimmungsvoll und verträumt oder einfach zu weich und verwaschen? Schreibt mir eure Meinung gerne in die Kommentare.