Ein 85mm mit Autofokus und Blende f/1.8 für rund 120 Euro: Das TTArtisan 85mm f/1.8 NEO klingt nach einer ziemlich günstigen Möglichkeit, eine lichtstarke Festbrennweite für Vollformat auszuprobieren. Dafür streicht TTArtisan allerdings konsequent die Ausstattung. Kein Blendenring, keine Schalter, keine Funktionstasten. Nicht einmal einen Fokusring gibt es. Aber reicht das, was übrig bleibt, für schöne Fotos?
Ich habe die Version für Nikon Z in den vergangenen Wochen immer wieder mitgenommen und ausprobiert. Dabei sind Bilder entstanden, die mir richtig gut gefallen. Andere zeigen ziemlich deutlich, warum dieses Objektiv so wenig kostet. Die Frage ist für mich deshalb vor allem: Welche Einschränkungen kann ich akzeptieren und wann stehen sie mir beim Fotografieren im Weg?
Transparenz: TTArtisan hat mir das Objektiv für diesen Test zur Verfügung gestellt. Die Einschätzungen in diesem Artikel basieren auf meinen eigenen Erfahrungen. Der genannte Preis von rund 120 Euro bezieht sich auf den Testzeitraum.
Ausstattung: Hier lässt sich wirklich nichts einstellen
Schon beim TTArtisan 50mm f/1.8 NEO war das Konzept radikal reduziert. Das 85er setzt diese Idee fort: Das Objektiv übernimmt die Aufnahme, die Bedienung erfolgt an der Kamera.
Am Gehäuse gibt es weder einen Blendenring noch einen AF/MF-Schalter oder eine Funktionstaste. Die große geriffelte Fläche sieht zwar nach einem Fokusring aus, lässt sich aber nicht drehen. Sie gehört einfach zum Gehäuse.

Das wirkt zunächst ungewohnt. Gerade wenn man regelmäßig mit Objektiven fotografiert, bei denen die Hand automatisch zum Einstellring wandert. Bei meinen Aufnahmen habe ich allerdings häufig überhaupt keine Bedienelemente am Objektiv gebraucht. Blende an der Kamera einstellen, Autofokus arbeiten lassen, auslösen. Für diese Art zu fotografieren funktioniert das Konzept.
Wer dagegen bewusst manuell fokussieren möchte, wird mit dem NEO wenig anfangen können. Der fehlende Fokusring ist eine echte Einschränkung. Ob sie relevant ist, hängt davon ab, wie man fotografiert.
Verarbeitung: Viel Kunststoff, angenehm wenig Gewicht
Beim Anfassen merkt man dem NEO den günstigen Preis an. Das Kunststoffgehäuse fühlt sich für mich ein bisschen nach Plastikbecher an. Ein besonders hochwertiges Gefühl kommt dabei nicht auf. Immerhin besteht das Bajonett aus Metall.
Der Kunststoff hat aber auch einen praktischen Vorteil: Mit knapp 330 Gramm ist das Objektiv angenehm leicht. Dazu kommt ein schlankes Gehäuse, das im direkten Vergleich mit einem anderen 85er deutlich weniger wuchtig wirkt.
Besonders kurz ist es allerdings nicht. Beim 50mm NEO fand ich überzeugend, wie kompakt das Gesamtpaket ausfällt. Das 85er punktet eher mit seinem geringen Gewicht und Durchmesser. Für einen Spaziergang oder eine längere Wanderung kann genau das angenehm sein.
Eine Gegenlichtblende gehört zum Lieferumfang. Außerdem gibt es die TTArtisan-typische Möglichkeit für Firmware-Updates über den USB-Anschluss am hinteren Objektivdeckel. Bei der Bedienung wurde also viel gestrichen, bei den grundlegenden Zugaben bleibt trotzdem einiges erhalten.
Bildqualität: Zwischen schöner Überraschung und deutlichen Grenzen
Die Bildqualität hat bei mir gemischte Eindrücke hinterlassen. Teilweise habe ich mir die Aufnahmen angesehen und gedacht: Für das Geld sieht das wirklich gut aus. Die Schärfe passte, die Farben gefielen mir und auch die Freistellung konnte überzeugen.

In anderen Situationen fallen die Schwächen dagegen sofort auf. Das NEO liefert seine guten Ergebnisse nicht unter allen Bedingungen gleich zuverlässig. Licht, Kontraste und Motiv spielen eine große Rolle.
Das ist für mich der wichtigere Kompromiss als die fehlenden Schalter. Auf eine Funktionstaste kann ich problemlos verzichten. Wenn ich bei einem Motiv erst überlegen muss, wie ich auffällige Farbsäume oder einen kräftigen Lichtschleier vermeide, beeinflusst das meine Aufnahmen deutlich stärker.


Schärfe: In der Bildmitte durchaus brauchbar
Die reine Schärfe ist nach meinen bisherigen Erfahrungen nicht das größte Problem des NEO. Bei Offenblende wirkt die Abbildung etwas weicher, in der Bildmitte finde ich sie aber durchaus ordentlich. Die Ränder fallen gegenüber der Mitte deutlich ab.

Bei einem freigestellten Motiv muss mich das nicht unbedingt stören. Wenn der Hintergrund ohnehin unscharf sein soll, ist eine hohe Schärfe bis in die äußersten Ecken für dieses Bild wenig entscheidend. Bei Motiven, bei denen ich über das gesamte Bildfeld Details zeigen möchte, fällt die Einschränkung stärker ins Gewicht.
Man sollte deshalb überlegen, wofür das Objektiv gedacht ist. Für gelegentliche Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe kann die Leistung völlig ausreichen. Für hohe Ansprüche an gleichmäßige Schärfe über das gesamte Bild wäre es nicht meine erste Wahl.
Bokeh: Schöne Freistellung mit sichtbaren Farbsäumen
Mit 85mm und f/1.8 lässt sich ein Motiv deutlich vom Hintergrund lösen. Genau darin liegt ein großer Teil des Reizes dieses Objektivs. Wenn die Bedingungen passen, gefällt mir das Bokeh durchaus.
Problematisch werden allerdings kontrastreiche Strukturen. Dort zeigen sich auffällige Farbsäume, auch in unscharfen Bildbereichen. Diese Längsfarbfehler können dafür sorgen, dass der Hintergrund weniger ruhig wirkt, als ich es mir wünschen würde.
Besonders bei reflektierenden metallischen Oberflächen und hartem Sonnenlicht sind mir störende Farbränder aufgefallen. Bei anderen Motiven treten sie deutlich weniger in Erscheinung. Das erklärt auch, warum mein Eindruck von der Bildqualität je nach Aufnahme so unterschiedlich ausfällt.
Gegenlicht: Ein kleiner Winkel macht einen großen Unterschied
Im Gegenlicht zeigt das NEO eine seiner deutlichsten Schwächen. Flares können kräftig ausfallen, dazu kommt ein Schleier, der den Kontrast im Bild stark reduziert.
Ein Beispiel dafür sind diese Aufnahmen eines Olivenbaums. Mit einem leicht veränderten Aufnahmewinkel ist die Szene plötzlich deutlich überstrahlt. Derselbe Baum, ähnliches Licht, aber eine völlig andere Bildwirkung.


Die Gegenlichtblende würde ich deshalb mitnehmen. Außerdem lohnt es sich, den Winkel zur Lichtquelle bewusst zu verändern und die Ergebnisse direkt zu kontrollieren. Manchmal liegt zwischen einem gelungenen und einem deutlich schwächeren Bild nur eine kleine Änderung der Position.
Autofokus: Gemütlich, aber meistens zuverlässig
Der Autofokus ist nicht besonders schnell. Man merkt, dass er sich für die Scharfstellung etwas Zeit nimmt. In meinen Versuchen traf er aber überwiegend dort, wo er treffen sollte.
Gelegentliche Aussetzer gab es ebenfalls. Insgesamt fand ich seine Leistung fürs gemütliche Fotografieren trotzdem ausreichend. Für ruhige Motive und Aufnahmen ohne großen Zeitdruck konnte ich gut damit arbeiten.
Für schnelle Sportaufnahmen oder unberechenbare Bewegungen lässt sich daraus keine Empfehlung ableiten. Das war nicht mein Testschwerpunkt. Bei meiner Nutzung war die langsamere Fokussierung meistens ein Kompromiss, mit dem ich leben konnte.

Für wen ergibt das TTArtisan 85mm f/1.8 NEO Sinn?
Ich kann verstehen, wenn jemand dieses Objektiv sieht und sagt: Lieber etwas länger sparen und ein besseres kaufen. Wer höhere Ansprüche an Verarbeitung, Bedienung und optische Korrektur stellt, wird die Grenzen des NEO schnell bemerken.
Trotzdem finde ich, dass es seine Berechtigung hat. Nicht jeder möchte oder kann viel Geld für ein Objektiv ausgeben. Und nicht jeder braucht für seine Fotos die bestmögliche Leistung. Gerade als Ergänzung zu einem weniger lichtstarken Kitzoom kann das NEO interessant sein. Es eröffnet die Möglichkeit, mit 85mm und f/1.8 zu fotografieren, Hintergründe stärker aufzulösen und herauszufinden, ob einem diese Brennweite überhaupt liegt. Dafür muss man nicht gleich mehrere Hundert Euro investieren.

Auch als leichtes Objektiv für gelegentliche Aufnahmen kann ich es mir vorstellen. Wer seine Schwächen kennt und überwiegend unter passenden Bedingungen fotografiert, bekommt damit durchaus schöne Ergebnisse.
Weniger sinnvoll finde ich es, wenn bereits klar ist, dass Gegenlicht, hohe Kontraste oder manuelles Fokussieren häufig zum eigenen Fotografieren gehören. Dann würde ich gezielt nach einer Alternative schauen, die genau diese Anforderungen besser erfüllt.
Fazit: Günstig genug, um die Schwächen zu akzeptieren?
Das TTArtisan 85mm f/1.8 NEO ist ein konsequent günstiges Objektiv. Das spürt man am Gehäuse, sieht man an der Ausstattung und unter schwierigen Bedingungen auch an den Bildern. Auffällige Farbsäume, starke Flares und schwächere Bildränder gehören zu den Kompromissen.
Gleichzeitig kann es Fotos liefern, die mir richtig gut gefallen. Die Schärfe in der Bildmitte ist brauchbar, die Freistellung macht Spaß und der Autofokus reicht für meine ruhigen Motive meistens aus. Zusammen mit dem geringen Gewicht ergibt das ein Paket, das für manche Fotografen völlig genügen dürfte.
Mich hat das 50mm f/1.8 NEO insgesamt mehr überzeugt. Beim 85er fällt mein Urteil etwas verhaltener aus. Trotzdem würde ich es nicht pauschal abschreiben. Wer möglichst günstig eine lichtstarke 85mm-Festbrennweite ausprobieren möchte und mit den genannten Grenzen leben kann, findet hier einen nachvollziehbaren Einstieg.

