Blende F0,95 klingt spektakulär. Gerade bei einem Objektiv für 199 Dollar war meine erste Reaktion allerdings nicht uneingeschränkte Begeisterung, sondern eher Skepsis. Ich hatte in der Vergangenheit bereits extrem lichtstarke manuelle Objektive ausprobiert, bei denen die Offenblende zwar technisch vorhanden war, fotografisch aber kaum sinnvoll genutzt werden konnte. Wenig Kontrast, kaum erkennbare Details und ein starker Glow sorgten dafür, dass die Bilder eher verwaschen als atmosphärisch wirkten.
Beim BrightinStar 35mm F0.95 habe ich deshalb mit ähnlichen Ergebnissen gerechnet. Die ersten Aufnahmen im direkten Gegenlicht schienen meine Befürchtungen zunächst sogar zu bestätigen. Massive Flares, deutliche Farbsäume und ein sehr unruhiges Verhalten bei einfallendem Sonnenlicht machten den Einstieg nicht gerade einfach. Nach einigen Versuchen zeigte sich allerdings, dass dieses Objektiv deutlich mehr kann. Die Schärfe bei Offenblende ist besser als erwartet, das Bokeh kann wunderschön weich ausfallen und die optischen Eigenheiten lassen sich durchaus kreativ einsetzen.
Ich habe das Objektiv bisher ausschließlich an meiner Fujifilm X-T4 verwendet und hauptsächlich Naturmotive fotografiert. Die meisten Bilder entstanden zwischen F0,95 und F1,8. Porträts, Streetfotografie und Nachtaufnahmen stehen noch auf meiner Liste. Dieser Artikel ist deshalb kein abschließender Labortest, sondern mein bisheriger Praxiseindruck nach mehreren Fototouren.
Transparenzhinweis: Das BrightinStar 35mm F0.95 wurde mir vom Hersteller kostenlos zur Verfügung gestellt. Meine Einschätzung wurde dadurch nicht beeinflusst. Der folgende Link ist ein Affiliate-Link. Wenn ihr darüber bestellt, erhalte ich eine Provision. Für euch verändert sich der Preis dadurch nicht.
BrightinStar 35mm F0.95 für Fujifilm X:
https://brightinstar.com/collections/fuji-x-mount/products/35mm-f0-95-aps-c-night-god-portrait-star-manual-fixed-focus-lens-suitable-for-fuji-x-mount?variant=50389764407612&ref=flokugrafie
Schön, schwer und komplett manuell
Das BrightinStar 35mm F0.95 gehört für mich zu den schönsten Objektiven, die ich aktuell besitze. In Silber passt es hervorragend zu meiner ebenfalls silbernen Fujifilm X-T4. Die Kombination sieht fast so aus, als wären Kamera und Objektiv gemeinsam entworfen worden. Das ist natürlich kein Argument für die Bildqualität, spielt für mich bei einer Kamera, die ich gerne mitnehme und benutze, aber trotzdem eine Rolle.

Das Gehäuse besteht komplett aus Metall. Entsprechend massiv fühlt sich das Objektiv an. Es ist für eine kleine manuelle Festbrennweite recht schwer, was manche vermutlich als Nachteil empfinden werden. Ich mag dieses Gewicht allerdings. Das Objektiv fühlt sich dadurch hochwertig und solide an. Gerade bei kleinen manuellen Objektiven bevorzuge ich ein etwas schwereres Metallgehäuse gegenüber einer möglichst leichten Kunststoffkonstruktion.
Auch mechanisch hinterlässt es einen guten Eindruck. Der Blendenring ist gerastert und besitzt für meinen Geschmack genau den richtigen Widerstand. Die Blende lässt sich gezielt verstellen, ohne dass sich der Ring zu leicht bewegt oder versehentlich verstellt. Gleichzeitig ist er nicht so schwergängig, dass die Bedienung unangenehm wird.

Der Fokusring läuft deutlich straffer als bei vielen modernen Objektiven. Auch das gefällt mir. Ein sehr leichtgängiger Ring kann zwar beim schnellen Fokussieren angenehm sein, lässt sich aber nicht immer besonders präzise einstellen. Beim BrightinStar muss ich etwas bewusster drehen, kann die Schärfeebene dadurch aber sehr kontrolliert verschieben. Spiel oder auffällige mechanische Schwächen konnte ich bei meinem Exemplar nicht feststellen.
Ein besonderes Detail ist der Objektivdeckel. Er ist nicht einfach nur eine gewöhnliche schwarze Kunststoffkappe, sondern greift das silberne Design des Objektivs auf. Außerdem besitzt er ein transparentes Element, durch das sich bereits ein Teil der Frontlinse erkennen lässt. Einen praktischen Vorteil hat das nicht, aber es passt zum insgesamt ungewöhnlich hochwertigen und durchdachten Erscheinungsbild.
Der Verzicht auf Autofokus und elektronische Kontakte bedeutet allerdings, dass Blende und Entfernung vollständig manuell eingestellt werden. Auch die verwendete Blende wird nicht automatisch in den EXIF-Daten gespeichert. Wer an der Fujifilm-Kamera mit einem solchen Objektiv fotografieren möchte, muss außerdem die Option zur Aufnahme ohne Objektiv aktivieren.
Manuelles Fokussieren bei F0,95
Manuell zu fokussieren ist grundsätzlich kein großes Problem. Bei Blende F0,95 wird die Sache allerdings anspruchsvoller. Besonders bei kurzen Aufnahmedistanzen ist die Schärfentiefe extrem gering. Schon eine kleine Bewegung der Kamera reicht aus, um den gewünschten Bereich wieder aus der Schärfeebene zu bewegen.
Fokus-Peaking kann dabei eine erste Orientierung liefern. Für die wirklich genaue Kontrolle nutze ich an der X-T4 aber lieber die Fokuslupe. Damit lässt sich die relevante Stelle im Sucher oder auf dem Display stark vergrößern. Bei unbewegten Naturmotiven komme ich so zu guten Ergebnissen. Es braucht etwas mehr Zeit als mit einem Autofokusobjektiv, funktioniert aber zuverlässig.
Die größte Herausforderung ist weniger das Objektiv selbst als die Kombination aus manueller Fokussierung und sehr geringer Schärfentiefe. Bei einem Blatt oder einer Blüte kann schon ein leichter Windstoß dafür sorgen, dass der Fokus nicht mehr exakt sitzt. Auch die eigene Bewegung spielt eine Rolle. Bei Offenblende reicht es teilweise aus, den Oberkörper minimal nach vorne oder hinten zu bewegen.
Der straffe Fokusring hilft mir dabei. Weil er nicht zu locker läuft, kann ich kleine Korrekturen kontrollierter vornehmen. Für schnelle Schnappschüsse oder bewegte Motive ist das BrightinStar trotzdem nicht die bequemste Wahl. Für ruhige Motive, bewusstes Arbeiten und langsames Fotografieren passt die Bedienung dagegen sehr gut.
Auf größere Entfernungen wird F0,95 einfacher nutzbar. Die Schärfentiefe ist dort nicht mehr ganz so extrem gering wie im Nahbereich. Gerade deshalb könnte ich mir das Objektiv gut für Streetfotografie bei wenig Licht vorstellen. Durch die hohe Lichtstärke müsste ich die ISO-Empfindlichkeit weniger stark erhöhen und könnte trotzdem noch mit brauchbaren Verschlusszeiten arbeiten. Ausführlich getestet habe ich diesen Einsatz bisher allerdings noch nicht.
Schärfe, Bokeh und der Look bei Offenblende vom BrightinStar 35mm f0.95
Die entscheidende Frage ist natürlich, ob das BrightinStar bei F0,95 überhaupt brauchbare Ergebnisse liefert. Meine Erwartung war ehrlich gesagt ziemlich niedrig. Ich hatte mit deutlich mehr Matsch gerechnet.
Natürlich ist die Offenblende nicht perfekt. Wer in der 300-Prozent-Ansicht nach maximaler Detailzeichnung sucht, wird Schwächen finden. Die Schärfe ist bei F0,95 geringer als bei leicht abgeblendeter Aufnahme, der Kontrast ist reduziert und feine Details können durch einen leichten Glow weicher erscheinen. Trotzdem gibt es eine klar erkennbare Schärfeebene. Der fokussierte Bereich besitzt genug Zeichnung, damit die Bilder bei normaler Betrachtung überzeugend wirken.
Das ist für mich der entscheidende Punkt. F0,95 ist hier nicht nur eine Zahl auf dem Blendenring. Die Offenblende lässt sich tatsächlich fotografisch einsetzen. Ich muss nicht automatisch auf F2 abblenden, um überhaupt ein brauchbares Bild zu erhalten.

Leichtes Abblenden hilft trotzdem deutlich. Zwischen ungefähr F1,4 und F1,8 steigen Schärfe und Kontrast sichtbar an. Der weiche Schleier wird geringer und feine Strukturen werden klarer. Gleichzeitig bleibt die Freistellung stark genug, um Motive deutlich vom Hintergrund zu lösen. Dieser Bereich ist für mich der beste Kompromiss, wenn ich den besonderen Look behalten, aber etwas kontrolliertere Ergebnisse erzielen möchte.
Die größte Stärke bleibt allerdings das Bokeh. Bei kurzen Entfernungen verschwinden Hintergründe in sehr weichen Farbflächen. Lichtpunkte werden zu großen Bokehkreisen und Blätter oder Gräser im Vordergrund können fast halbtransparent wirken. Gerade bei meinen Waldaufnahmen hat mir dieser Effekt sehr gut gefallen. Ich wollte einen dunklen, grün-blauen und etwas malerischen Look erzeugen. Dafür passt das Objektiv hervorragend.
Das Bokeh ist nicht immer technisch neutral. Lichtkreise können zum Bildrand hin ihre Form verändern und teilweise etwas unruhiger werden. Für meinen Geschmack passt das aber zum Charakter des Objektivs. Das BrightinStar versucht nicht, Hintergründe möglichst klinisch und unauffällig wiederzugeben. Es erzeugt einen deutlich sichtbaren Look.

Auch die unbearbeiteten Dateien besitzen einen eher geringen Kontrast. Das sehe ich nicht zwangsläufig als Problem. Ich füge Kontrast und Struktur lieber gezielt in der Nachbearbeitung hinzu. Dadurch kann ich selbst bestimmen, wie hart oder weich das Bild am Ende wirken soll. Gleichzeitig bleiben die dunklen Farbtöne etwas zurückhaltender und lassen sich gut in meinen gewünschten Stil bringen.
Die Vorher-Nachher-Beispiele zeigen recht deutlich, wie stark sich die Dateien bearbeiten lassen. Die unbearbeiteten Bilder wirken zunächst relativ flach und neutral. Mit angepasstem Kontrast, Farben und lokalen Korrekturen entsteht daraus der deutlich dunklere und kühlere Waldlook, den ich bei diesen Aufnahmen haben wollte.
Flares und Bildfehler gehören zum Paket
Beim Gegenlicht zeigt das BrightinStar keine Zurückhaltung. Sobald die Sonne direkt ins Objektiv fällt, entstehen starke Reflexionen, Lichtbögen und teilweise großflächige Schleier. Der Kontrast kann deutlich einbrechen. Dazu kommen sichtbare chromatische Aberrationen an harten Kontrastkanten.

Meine ersten Gegenlichtaufnahmen sahen entsprechend chaotisch aus. Die Flares waren groß, auffällig und nicht immer sinnvoll im Bild platziert. Manche Bilder wirkten eher fehlerhaft als kreativ. Gerade bei vollständig geöffneter Blende können sich grüne und magentafarbene Säume deutlich zeigen.
Nach einigen Versuchen konnte ich die Effekte besser einschätzen. Schon kleine Änderungen des Kamerawinkels verändern die Position und Form der Reflexionen stark. Dadurch lassen sich die Flares teilweise bewusst in die Bildgestaltung integrieren. Wenn sie an der richtigen Stelle liegen, können sie eine Aufnahme interessanter machen und den ohnehin ungewöhnlichen Look weiter verstärken.

Das Objektiv zwingt mich damit zu einer bewussteren Arbeitsweise. Bei einem modernen, stark vergüteten Objektiv kann ich häufig einfach gegen die Sonne fotografieren und bekomme ein relativ sauberes Ergebnis. Beim BrightinStar muss ich genauer darauf achten, wie das Licht auf die Frontlinse trifft. Manchmal reicht bereits eine minimale Bewegung, um aus einem störenden Reflex einen interessanten Effekt zu machen.
Wer möglichst saubere, neutrale und technisch perfekt korrigierte Bilder möchte, wird daran vermutlich wenig Freude haben. Flares und Farbsäume gehören bei diesem Objektiv klar zum Gesamtpaket. Sie lassen sich durch Abblenden reduzieren, verschwinden aber nicht vollständig.
Mich stört das weniger, weil ich das Objektiv nicht als universelle Standardfestbrennweite betrachte. Ich greife dazu, wenn ich bewusst einen bestimmten Look erzeugen möchte. Bei manchen Motiven funktioniert das sehr gut, bei anderen würde ich lieber ein moderner korrigiertes Objektiv verwenden.
Warum günstige manuelle Objektive immer interessanter werden
Das BrightinStar bestätigt einen Eindruck, den ich bereits bei mehreren günstigen manuellen Festbrennweiten hatte. Die Qualität dieser Objektive wird kontinuierlich besser. Günstig bedeutet längst nicht mehr automatisch, dass ein Objektiv bei Offenblende unbrauchbar sein muss.
Natürlich fehlen Funktionen, die bei modernen Autofokusobjektiven selbstverständlich sind. Es gibt keinen Autofokus, keine elektronische Kommunikation mit der Kamera und in der Regel auch keine aufwendige Abdichtung. Dafür bekommt man ungewöhnlich hohe Lichtstärken zu Preisen, die bei etablierten Herstellern kaum denkbar wären.
Für mich sind solche Objektive auch eine gute Möglichkeit, eine Brennweite oder einen bestimmten Bildstil auszuprobieren. Ich möchte nicht automatisch mehrere Hundert oder sogar über 1.000 Euro ausgeben, nur um herauszufinden, ob mir eine Brennweite in der Praxis überhaupt liegt. Mit einer günstigen manuellen Festbrennweite kann ich zunächst testen, welche Motive damit funktionieren und ob mir die Arbeitsweise gefällt.
Beim BrightinStar geht es allerdings nicht nur um einen günstigen Einstieg. Das Objektiv ist gut genug, um dauerhaft genutzt zu werden. Die Offenblende ist brauchbar, leicht abgeblendet wird die Bildqualität deutlich besser und das Bokeh besitzt einen sehr eigenen Charakter.

Mit 35 mm an einer APS-C-Kamera liegt die Bildwirkung ungefähr im Bereich einer klassischen Normalbrennweite. Dadurch ist das Objektiv grundsätzlich vielseitig. Naturdetails funktionieren ebenso wie Umgebungsaufnahmen. Porträts und Streetfotografie dürften ebenfalls gut zur Brennweite passen, stehen bei mir aber noch aus.
Für 199 Dollar bekommt man deshalb nicht nur ein Experiment mit einer extremen Blendenzahl. Man bekommt ein hochwertig verarbeitetes Objektiv, das bewusstes Fotografieren verlangt und dafür Bilder erzeugen kann, die nicht wie Aufnahmen mit jeder beliebigen Standardfestbrennweite aussehen.

Fazit: Mehr als nur eine spektakuläre Blendenzahl
Das BrightinStar 35mm F0.95 hat mich positiv überrascht. Ich hatte erwartet, dass F0,95 vor allem auf dem Datenblatt beeindruckt und in der Praxis zu wenig Schärfe und zu viel Glow liefert. Stattdessen ist die Offenblende tatsächlich nutzbar. Der fokussierte Bereich besitzt ausreichend Details, das Bokeh ist ausgesprochen weich und die starke Freistellung eröffnet viele kreative Möglichkeiten.
Perfekt ist das Objektiv nicht. Das Gegenlichtverhalten ist teilweise extrem, chromatische Aberrationen sind deutlich sichtbar und das manuelle Fokussieren verlangt bei F0,95 Geduld. Auch das Gewicht dürfte nicht jedem gefallen.
Für mich gehören diese Punkte allerdings zum Charakter des Objektivs. Ich nutze es nicht, wenn ich möglichst neutrale und technisch perfekte Ergebnisse brauche. Ich nutze es, wenn ich bewusst mit weichen Übergängen, Lichtkreisen, Flares und einer sehr geringen Schärfentiefe arbeiten möchte.
Dazu kommt die sehr gute Verarbeitung. Das Metallgehäuse, der angenehm gerasterte Blendenring und der straffe Fokusring vermitteln einen deutlich hochwertigeren Eindruck, als der Preis vermuten lässt. Optisch passt die silberne Variante außerdem hervorragend zu meiner Fujifilm X-T4.
Für 199 Dollar ist das BrightinStar 35mm F0.95 deshalb deutlich mehr als nur ein günstiges Objektiv zum Ausprobieren. Es ist eine charaktervolle manuelle Festbrennweite, die nicht jedes Motiv einfacher macht, aber einige Bilder überhaupt erst möglich macht.
BrightinStar 35mm F0.95 für Fujifilm X:
https://brightinstar.com/collections/fuji-x-mount/products/35mm-f0-95-aps-c-night-god-portrait-star-manual-fixed-focus-lens-suitable-for-fuji-x-mount?variant=50389764407612&ref=flokugrafie
